Im Reich des Pfeffer-Königs
Auf seiner Pfefferfarm in Kerala schuf der Jurist Jacob Mathew
eines der ersten Projekte Südindiens für ökologische
Landwirtschaft und sanften Tourismus.
Von Julia Kospach.


Jacob Mathew ist ein freundlicher Mann. Sein pausbäckiges,
braunes Gesicht ziert ein buschiger, leicht angegrauter
Schnurrbart. Höflich konzentriert schaut er aus dunklen Augen,
sein Englisch ist gefärbt vom eiligen Singsang seiner südindischen
Muttersprache Malayalam. Jacob Mathew ist der geborene
Gastgeber, er ist Farmbesitzer und er ist Anwalt. Aus diesen drei
Faktoren ergibt sich ein Leben, das einen für indische
Verhältnisse ziemlich unüblichen Verlauf genommen hat.
Reis und Ananas. Nicht nur sprichwörtlich, sondern ziemlich
präzise formuliert könnte man sagen, dass Jacob Mathew dort
lebt, wo der Pfeffer wächst. Nicht irgendein Pfeffer, sondern der
Welt bester - und das seit Hunderten von Jahren. Jacob Mathews
2,5 Hektar große Farm trägt den Namen "The Pimenta". "Pimenta
bedeutet Pfeffer-Königreich. Die Portugiesen nannten diesen Teil
von Kerala so, weil hier von jeher Pfeffer von ganz besonderer
Qualität wuchs", erklärt Mathew. Kerala ist jener indische
Bundesstaat, der sich über 500 Kilometer wie ein schmaler
Streifen entlang der Arabischen See von Norden nach Süden zieht
- bis fast an die Südspitze des indischen Subkontinents. Fährt
man von der alten, kolonial geprägten Hafenstadt Cochin nach
Osten ins Landesinnere, immer weiter hügelwärts, durch
Kautschuk-Wälder und staubige, quirlige, kleine Dörfer, vorbei an
giftgrün leuchtenden Reisfeldern und Pflanzungen silbriggrüner
Ananaspflanzen, erreicht man nach einer Stunde Fahrt und
zahllosen halsbrecherischen Überholmanövern des
Taxi-Chauffeurs (selbst zu fahren ist bei dem heiteren Wahnsinn
auf Indiens Straßen definitiv nicht zu empfehlen) Mathews Farm.
Ein kleines Tor an der Straße markiert den Eingang. "Jacob
Mathew, Advocate" steht auf einem kleinen, über die Jahre
dunkel gewordenen Schild. Eine schmale Sandstraße führt in einer
engen Kurve zum Haus, das inmitten hoher Bäume, üppiger
Büsche und sonnendurchschienener Palmblätter beinahe
verschwindet. Die Farm ist ein versteckter grüner Tropengarten.
Gleichzeitig verwirklicht Jacob Mathew dort seinen ehrgeizigen
Plan eines ökologischen Farm- und Agrotourismus- Projekts. Auf
diesem Gebiet hat der 40jährige in Südindien Pionierarbeit
geleistet.
"Als ich 1976 als 13-Jähriger hierher kam, bestand die Farm zur
einen Hälfte aus Kautschuk-Bäumen, zur anderen aus
Kokospalmen", erklärt Mathew. Nach dem Tod des Vaters, eines
Universitätsprofessors in Cochin, waren Jacob Mathew und seine
Mutter auf die Farm gezogen. "Ich war ein Teenager, der sich für
Landwirtschaft interessierte", erzählt er. Zehn Jahre lang taten
Mutter und Sohn, was die meisten Farmer in der Umgebung
taten: Sie arbeiteten mit chemischen Düngemitteln und
Pestiziden und sie operierten auf der Basis von Monokultur-
Anbau. Erst Anfang der 90er Jahre - Mathew hatte sein
Jura-Studium in Cochin bereits abgeschlossen und arbeitete als
Anwalt - kam der Sinneswandel: "In einem Buch über Pestizide
las ich über quecksilberhältige Pilzmittel, mit denen zum Beispiel
Ingwerpflanzen behandelt werden. Ich wollte das nicht mehr."
Mathew stoppte den Einsatz von Pestiziden und chemischen
Düngern, entfernte einen Großteil der Kautschukbäume und
begann auf ökologische Landwirtschaft umzustellen. "Ich bin kein
Öko-Exzentriker und ich habe auch nichts gegen Monokulturen,
aber ich habe etwas gegen Kurzzeit-Erfolge, bei denen die Natur
ausgebeutet wird. Die Vögel auf der Farm sind nicht zu meinem
Vergnügen da: Sie tragen ihren Teil zur Biodiversität bei." Mathew
verwandelte die Farm zurück in einen Naturgarten. Er pflanzte
Jackfruit-, Mango- und Muskatnuss-Bäume, er pflanzte Watta-
Bäume, aus deren Holz Bleistifte gemacht werden und die mit
ihrem Laub große Mengen an Biomasse produzieren. Er setzte
verschieden Arten von Yams- Wurzeln und Tapioca und
unterschiedliche Gewürzpflanzen wie Pfeffer, Ingwer, Zimt, Vanille
und eine ganze Reihe von Heilpflanzen.

"Im Grunde tue ich nichts anderes als zum alten traditionellen System des
‚thodi', des tropischen Hausund Waldgartens, zurückkehren, der früher das
Zentralstück der Landwirtschaft und Ökologie in Kerala war", erklärt er.
Lernen. Mathew führte Gespräche mit alten Dorfbewohnern, er las Fachbücher,
er probierte aus. Er lernte, schnell wachsende Bäume als Schattenspender für
empfindlichen, langsam wachsenden Mahagoni zu setzen. Er lernte, wie man die
Fluten des abrinnenden Monsun-Regenwassers länger im Boden halten kann,
indem man Pflanzen mit ausladenden Wurzelsystemen pflanzt. Er erfuhr, dass
man auch felsiges Gelände nutzbar machen kann, wenn man dort Mahagoni-
Bäume zieht, deren tiefe Wurzeln ihren Weg unter die Steine finden. Und er
lernte, wie man aus Kuhdung durch Gärung Methangas produziert. Eine solche
biologische Energieerzeugungsanlage erzeugt heute hinterm Haus das Gas für
die Küche; und das mit nur zwei Kühen als Dungspendern. Fürs Warmwasser
sind
Sonnenkollektoren zuständig - ein in Südindien seltener, den Gewohnheiten der
Farmbesucher geschuldeter Luxus.
Mathews Farmland, das sich in sanften Terrassen über einen Hügel hinaufzieht,
ist heute das - noch längst nicht abgeschlossene - Ergebnis dieses
umfassenden
Prozesses von Learning by Doing. Immer öfter kamen Besucher, die sein Projekt
sehen wollten. Mathew fühlte sich durch das Interesse ermuntert. Die Zeit und
die Mode gaben ihm Recht: In den letzten Jahren hat sich auch in Südindien ein
kleiner Markt für Bio-Produkte und für sanften Tourismus aufgetan. Immer
mehr Farmer der Umgebung haben die neue Chance gewittert und ebenfalls
begonnen, auf ökologische Landwirtschaft umzustellen. Langsam wurde "The
Pimenta" bekannt, wurde Mathews Farm von Reisebüros in Cochin an Touristen
empfohlen, die sich nach etwas abseits vom Küsten-Tourismus- Strom liegenden
interessanten Locations im Hinterland erkundigten. Die meisten kommen aber
nach wie vor, weil ihnen irgendjemand, den es zufällig auf Mathews Farm
verschlagen hat, davon erzählt hat.
Übers Jahr besuchen inzwischen rund 250 Gäste die Farm. Aus den
Tagesausflüglern des Anfangs wurden Hausgäste, die zwei, drei Nächte und
mehr bleiben
wollten. Was Mathew zu bieten hatte, gefiel ihnen. Mathew hörte genau zu und
reagierte. Klug mischte er den Genius loci mit dem, was seine - an westliche
Standards gewöhnten Gäste - an Ansprüchen stellten. Etwas abgelegen vom
Haupthaus baute er vier kleine Gästehäuschen aus rotem Ziegel. Sie sind von
schlichter, stimmiger Schönheit mit großen Betten, auf denen bunt gemusterte
Baumwolldecken liegen. Jeder neue Gast ist für Mathew möglicher Träger einer
wertvollen Information, die es ihm gestattet, sein ausgeklügeltes Wohlfühl-
System noch weiter zu verfeinern.
Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet Mathews Mutter, eine lächelnde
grauhaarige Frau im Sari, die sich nur selten und nur wenn wenig Betrieb ist,
unter die
Gäste mischt. Sie ist es, die für alle kocht. Es sind atemberaubend
variationsreiche, vegetarische Festmahle, die täglich serviert werden.
Detailreich erklärt
Mathew die Speisen, die Reis-Pfannkuchen, die Gemüsebeilagen, das selbst
gemachte Fladenbrot, die Curries, die Chutneys, die klebrig süßen Nachspeisen
aus
Bananen und Kokosraspel. Viele der Gewürze kommen direkt aus dem
Farmgarten in die Küche.
Wer es noch genauer wissen will, kann Mathew auf einen "Spice-Walk" durch
die Farm begleiten. Direkt hinter dem Haus gräbt er eine Kurkuma-Wurzel aus.
Dazu erklärt er die Bedeutung von "Krishna Thulasi", dem heiligen Basilikum,
einer Heilpflanze, die in den Tempeln auf erhöhten Plattformen gezogen wird und
zuhause in der Nähe der Tür. "Wenn man verkühlt ist", erklärt Mathew, "hilft ein
Getränk aus Krishna Thulasi-Blättern, die man mit Kurkuma- Pulver aufkocht
und mit getrocknetem Ingwer und Pfeffer vermischt". Er erklärt die Verwendung
der Araca-Palme, deren Nüsse in kleine Schnitze geschnitten und in Betelblätter
eingerollt gekaut werden. Auch über die Blätter des Curry-Strauchs berichtet
Mathew Interessantes: "Curry- Blätter wirken - wie Ingwer - desinfizierend und
entgiftend. Sie sind ein gutes Mittel gegen Bronchitis. Der Grund, warum man
begonnen hat, sie ins Essen zu tun, hat nichts mit ihrem Geschmack zu tun. Man
tut es, um sicher zu gehen. Hat man zum Beispiel Reis, von dem man nicht
genau weiß, woher er kommt, streut man einfach ein paar Curry-Blätter darüber
und
kann den Reis auf diese Weise reinigen."
Herzstück der Farm ist aber natürlich der Pfefferanbau. Die Pfefferpflanzen
finden sich überall im Garten: Sie winden sich entlang der Stämme von Palmen
oder
Mahagoni-Bäumen nach oben. Um wachsen zu können, brauchen sie viel Licht
und Wirtspflanzen mit rauer Rinde. Die Pfefferkörner wachsen in dicken, dichten
Rispen, die zwischen den Blättern der Pflanze herausschauen. "Der Pfeffer ist
reif, wenn sich an einer grünen Dolde zwei oder drei Körner rot gefärbt haben",
erklärt Mathew. "Schwarz wird der Pfeffer durchs Trocknen. Weißer Pfeffer
entsteht, indem man den reifen Pfeffer sieben Tage in Wasser einweicht. Das
Wasser
wird regelmäßig gewechselt, bis sich die Haut löst. Was bleibt, sind die weißen
enthäuteten Körner. Grün bleibt der Pfeffer, wenn man ihn in Salzwasser einlegt
oder schockgefriert."
Ausflüge. Zwei bis drei Leute erledigen für Mathew die Farmarbeit. In der
Touristensaison ist er selbst zu sehr mit den Gästen beschäftigt. Um den Aufent-
halt
auf der Farm abwechslungsreicher zu gestalten, organisiert Mathew zudem noch
eine ganze Reihe von Ausflügen: Ein Elefanten-Ausbildungszentrum steht auf
seinem Programm, der Besuch eines hinduistischen Tempels oder des größten
Truck-Painting-Centers in Kerala. Dort werden Lastwägen mit geschnitzten und
bunt bemalten Aufbauten versehen. Sie sind ein auf Keralas Straßen
allgegenwärtiger Anblick. Mathew arbeitet aber auch mit einer einheimischen
Ayurveda-
Klinik zusammen, wo seine Gäste eine Ölmassage bekommen und die
benachbarte Manufaktur besichtigen können, in der aus über 600
verschiedenen
Heilkräutern Ayurveda-Öle, -Pillen und -Cremen hergestellt werden.
Viel Zeit für seine juristische Arbeit bleibt Mathew nicht. Nicht zuletzt, um das
Sorgerecht für seinen heute zwölfjährigen Sohn zu erkämpfen, hatte er sich auf
Scheidungs- und Kirchenrecht spezialisiert. Seit inzwischen vier Jahren lebt sein
Sohn mit ihm auf der Farm. Eine kleine Patchwork-Familie aus Großmutter, Sohn
und Enkel - und Dutzenden von Gästen, die Mathew die Welt nach Hause
bringen. Reisen? Nein, Jacob Mathew sagt, dass er alles, was er braucht, hier
hat.
Freundlich lächelt er aus dunklen Augen und geht, um sich um das Abendessen
zu kümmern.

Information
The Pimenta
Haritha Farms Kadalikad Post
686670 Kerala, India
Tel.: 00 91 485 2260216
E-Mail. harithafarms@yahoo.com oder haritha@satyam.net.in
Website: www.geocities.com/harithafarms
Quelle: HOMEPAGES